Unvergessliche Eindrücke

Wanderung vom "Pas du Loup" zum Berg "Serbaïrou"

Es ist von Klang und Düften
ein wunderbarer Ort,
umrankt von stillen Klüften,
wir alle spielten dort.

 

Es ist soweit - wir sind wieder da! Fantastisch! Immer wieder aufs Neue überwältigt vom Ausblick und der fast grenzenlosen Weite der Landschaft stehen wir auf der Terrasse zwischen dem "Tour Magdala" und der Orangerie des ehemaligen Anwesens des Priesters "Bérenger Sauniere".

Endlos zieht der Horizont sich gegen die Pyrenäen hin. Die herbstliche Sonne lässt die abgemähten Felder auf dem Plateau gegen das "Bals-Tal", in welchem sich der "Couleur-Fluss" danhinschlängelt, wie aus Gold gewobene Teppiche erscheinen. Ein lauer Wind treibt die Wolken gemächlich über uns hinweg, hinein ins Landesinnere, wohl Richtung "Carcassonne". Ein seltsames Gefühl von wehmütiger Freude und Ehrfurcht macht sich bemerkbar. Seltsam, es erscheint einem, als wäre man schon immer hier gewesen - seit hunderten von Jahren. Der Blick schweift über das Land, von "Esperaza", an der glitzernden "Aude", hinauf zu den Hügeln und Wäldern, Richtung "Casteillas". Stille! Ausser dem zwitschern einiger Spatzen und dem zaghaften Zirpen weniger Grillen, stört kein Laut die Andacht des Augenblicks. Die schroffen, weissen Felsklippen am gegenüberliegenden Abgrund bewahren das Geheimnis der sagenumwobenen "Grotte Madeleine". Die Glocken der Kleinen Dorfkirche schlagen verhalten die Stunden. Herbstliche Farben betören die Sinne. Ein Schwarm grosser Vögel zieht vorbei, gen Süden, verschwindet langsam im fernen Dunst über "Rennes-les-Bains". Leise Töne werden an uns herangetragen. Eine alte, verträumte Melodie. Versteckt zwischen Büschen und unter knorrigen Bäumen sitzt unsichtbar ein Flötenspieler. Ist es der Schäfer "Paris", der unglückliche Entdecker eines verschollenen Schatzes, welcher uns aus dem paradiesischen "Arkadien" ein Zeichen sendet? Man spürt in jeder Faser seines Körpers, dass dies ein Ort mit unglaublicher Ausstrahlung ist.

Eine sanfte Hand greift nach deiner Seele und lässt sie nicht mehr los! Doch was ist es? Worin liegen das Geheimnis und die Faszination dieser mystischen Gegend? Viele Dinge sind hier geschehen - Kriege wogten in alter Zeit durchs Land, tapfere Männer und Frauen färbten mit ihrem Blut die Erde, bescheidene Katharer besiedelten viele Orte und gläubige Ritter bauten ihre Festungen. Hirten zogen mit tausenden von Schafen in der Vergangenheit über die kargen Böden der Hochplateaus. Auch keltische Kultstätten sind immer noch zu finden - die Spuren der Römer - fast unverkennbar. Wieso kommen wir immer wieder hierher? Warum diese magische Anziehungskraft?

Duzende von Büchern zu den Rätseln und Geheimnissen aus dieser Gegend haben wir gelesen. Tagelang waren wir in der Vergangenheit schon Unterwegs - kletterten über gefährliche Felshänge und kämpften uns durch unzählige dornige Schluchten. Immer wieder entdeckten wir Neue, Unbekannte - noch nie dokumentierte Besonderheiten. Manchmal geschah es, dass wir uns - trotz neuster Karten und modernster Navigation - hoffnungslos verirrten. Hunger und Durst begleiteten uns so manche Stunde. Immer wieder fanden wir neue Fährten und Hinweise, welche sich mit unseren Beobachtungen und Entschlüsselungen deckten. Dies alles ergab nur einen Sinn! Hier - in dieser Gegend - ist unwiderruflich etwas ganz Aussergewöhnliches, Phänomenales und Geheimnisvolles verborgen! Sind es unermessliche Kleinodien? Heilige Reliquien? Versteckte, kostbare Reichtümer, die Gräber, Insignien und Hinterlassenschaften eines längst vergessenen Königreiches? Eine geheime Bibliothek oder ein mystisches Wissen? Wir werden es erfahren! Das Rätsel wurde in der Vergangenheit mit Bestimmtheit schon zweimal gelöst und wieder neu verschlüsselt! Die Lösung scheint fast greifbar nahe. Gute Geister flüstern uns in der Einsamkeit mit leiser Stimme zu, wo wir suchen und hinsehen müssen. "Erkenne die Zeichen der Steine, schau hin! Öffne nicht nur die Augen - sehe auch mit deinem Herzen, der Kraft der Bescheidenheit und höre auf die Sprache der Vögel! Mach dich auf den Weg! Aber auf einen neuen, eigenen Weg! Alles ist noch, wie es einmal war!"

 

Ein neues Abenteuer

O wunderbares, tiefes Schweigen,
wie einsam ist's noch auf der Welt!
Die Wälder nur sich leise neigen,
als ging' der Herr durchs stille Feld.

 

Tauben gurren vor dem Fenster. Lichtreflexe der aufsteigenden Sonne werfen durch eine Öffnung des Vorhanges verspielte Muster an die Zimmerwände. Das leise Plätschern der "Aude" dringt stetig durch das Erwachen des Tages. Obwohl es im Monat Oktober in dieser Gegend noch sehr warm ist, schleicht ein kühler Hauch durch das Zimmer. Es ist der Atem des alten Gemäuers aus dem 16. Jahrhundert, in welchem eine ruhige, behütete Nacht verbracht wurde. Es lieg an einem Knie des Flusses "Aude" und trägt den wohlklingenden Namen "Château des Ducs de Joyeuse". Mit erlauchten Gefühlen schreitet man durch die Gänge und Hallen des - zu einem Hotel umgebauten Schlosses - zum adelsgemässen Frühstück hin.
Anschliessend wird die Forschungsausrüstung gesichtet, die Karte studiert und - nach einem prüfenden Blick zum Himmel - die entsprechende Kleidung gewählt. Nach einem kurzen Einkauf im kleinen Supermarkt des Ortes "Couiza", bei welchem wir uns mit genügend Proviant versorgt haben, fahren wir hinauf bis zur Höhe des "Pas du Loup", welcher zwischen "Rennes-le-Château" und "Rennes-les-Bains liegt". Von hier aus geniesst man eine wunderbare Rundsicht über das Land.

 

 

 

 

 

 

Vor einigen Jahren fand man an diesem Ort bei der Sanierung des Weges in einer Spalte dutzende von menschlichen Knochen. Zeugen vergangener Kämpfe in alter Zeit. Uns gegenüber liegt die Ruine des Schlosses von "Coustaussa". Mauerreste ragen zum Himmel empor, fast wie die Finger einer flehend erhobenen Hand. Mit ehrfürchtiger Beklemmung schreiten wir über die Stätte - wählen unseren Weg, beladen mit den schweren Rucksäcken, hinüber gegen "Le Causse".
Letzte farbenprächtige Schmetterlinge tanzen in taumelndem Flug über das Heideland und lassen sich auf ungemein wohlriechenden Büschen nieder. Hüfthohe, silberne Gräser, geschmückt mit blitzenden Tautropfen, kostbaren Diamanten gleichend, streifen uns beim Vorübergehen. Spitze Zypressen wiegen sich im Wind.

In der Ferne erhebt sich das Felsmassiv der "La Pique" und zeigt, gleich einem Speer mit scharfer Spitze, gegen den morgendlichen Himmel. Der Legende nach befindet sich an diesem Ort ein geheimer Eingang in die Unterwelt, zu den, von Dämonen bewachten, kostbaren Schätzen. Einsam ziehen wir dahin. Wir folgen einem alten Pfad. Wind kommt auf. Mit vorwärtstreibender Kraft bläst er uns in den Rücken, als wollte er uns sagen: "Geht weiter - macht schon! Los - ihr habt noch viel vor euch!" An einer Kreuzung weist ein schlanker Menhir die Richtung. Wir erreichen das Plateau beim "Col de Vioulas" mit direkter Sicht auf den seltsamen Berg "Cardou". Mit blossem Auge erkennt man fast jeden einzelnen Felsen am steilen Hang. Entlang der Flanke zieht sich eine ehemalige Strasse aus römischer Zeit.

Da! Ein unheimliches Geräusch lässt uns aufschrecken. Am nahen Waldrand erscheinen zwei dunkle Schatten. Wilde Hunde! Riesige Tiere mit verfilztem, zottigem Fell bewegen sich zähnefletschend auf uns zu. Die eine Hand greift nach hinten, zur am Rucksack aufgeschnallten Machete, die andere tastet in der Hosentasche suchend nach dem Verteidigungsspray. Wo liegt ein grosser Stein, welchen man auch noch als Waffe nutzen könnte? Es beginnt ein Kräftemessen der Geister, welches sich hauptsächlich auf mentaler Ebene abspielt. Wer ist furchtloser - wer hat mehr Angst? Die struppigen Hunde wagen es nicht, näher als zehn Meter an uns heranzukommen. Sie spielen gekonnt all ihre Drohgebärden aus, spüren aber vermutlich, dass wir zum Kampf bereit und gewillt sind, diesen auch zu gewinnen. "Wagt es nicht, auch nur einen Meter näher zu kommen! Wir Menschen werden euch sonst in Stücke reissen!" Nach ungefähr 10 Minuten erreicht unsere aufgebaute Abwehrenergie einen so hohen Grad, dass die beiden Tiere mit verängstigtem, tiefem Gebell geduckt das Weite suchen und in fernem Buschwerk verschwinden! Diese Begegnung lässt unwillkürlich Erinnerungen an die Geschichten mit den wilden Hunden von "Foncebadón" erwachen, welche ja auch auf dem "Jakobsweg" nach "Santiago di Compostella" ihr Unwesen treiben und manch einen Pilger einer schweren Prüfung unterziehen. Die Konfrontation mit unseren tiefen, inneren Ängsten!
Nach einer Kurzen Rast bei einer seltsamen Ruine mit dem vielsagenden Namen "l'Aram", deren Reste ehemaliger Gewölbe zu unseren Füssen liegen, erreichen wir die Höhe oberhalb von "Coume Sourde". In dieser Gegend entdeckte ein Mann Namens "Ernest Cros" im Jahr 1928 eine seltsame Steinplatte, die mit einer kryptisch, geometrischen Gravur versehen war, welche den Forschern noch heute grosse Rätsel aufgibt. Auf dem Stein abgebildet war ein Kopf stehendes Dreieck mit einem Kreuz an der Spitze. Über der Grundlinie befand sich ebenfalls ein Kreuz, das durch eine Linie beide Ecken verband.
"IN MEDIO LINEA UBI M SECAT LINEA PARVA", lautete die Inschrift auf dem Stein. Leider war nachträglich nie mehr genau herauszufinden, wo im Gelände sich dieses Artefakt ursprünglich befand!
In der Zwischenzeit hat der herbstliche Wind merklich an Stärke zugelegt. Reissverschlüsse werden hochgezogen und Mützen tiefer in die Stirn gerückt. Auf einem schmalen, gefährlichen Jagdpfad steigen wir in Gedanken versunken hinab durch den dichten Eichenwald, vorbei an einem Platz mit dem Namen "l'Homme Mort". Die Geschichte des Steins beschäftigt uns. Was erzählt uns die Stille? Vor unserem geistigen Auge sehen wir das Bildnis eines Königs, welcher hier in der Gegend in einem tiefen, unterirdischen Gewölbe sein Vermögen in Sicherheit gebracht und den Stein als Hinweis hinterlassen hat. "Cayrolo, warst du es, der König der Redonen"?

Der warnende Ruf einer aufgeschreckten, aus dem nahen Dornbusch aufsteigenden Amsel, reisst uns jäh aus unseren Gedanken! Durch das Unterholz erkennen wir die Gestalt einer älteren Frau, welche sich uns nähert. Ihr blaues Kopftuch flattert im Wind und lässt den Blick auf langes, angegrautes Haar fallen. Im Arm hält sie einen sonderbar geflochtenen Korb, randvoll gefüllt mit stacheligen Kastanien. Als sie uns wahrnimmt, huscht ein freundliches Lächeln über ihr Gesicht. "Bonjour, avez-vous trouvé tout ce que vous avez cherché?", fragt sie uns mit strahlenden Augen. Nun, dass wir eigentlich gar nicht auf der Suche nach etwas Bestimmten sind - nur am Wandern - entgegneten wir mit freundlicher Vorsicht. Sie lacht und glaubt uns anscheinend kein Wort, da wir vermutlich doch echt abenteuerlich aussehen in unserer Kleidung und den schweren, mit Seil und Ausrüstung beladenen Rücksäcken. "La mystèrieuse source du cercle est vers là-bas"! Sie deutet mit ihrer Hand durch den Wald, den Hang hinunter. "Au revoir et bonne chance!" Mit einem fast "hexenhaft" anmutenden Kichern dreht sie sich um, winkt uns noch einmal zu, und verschwindet zwischen den Bäumen. Tatsächlich, wir sind etwas von unserem Weg abgekommen. Nun, was auch immer zu dieser Begegnung geführt hat, wir werden den Rat der Kastaniensammlerin befolgen und der besagten Quelle "Source du Cercle" einen Besuch abstatten.

Die "Quelle des Kreises" stellt den Mittelpunkt eines grossen, vermutlich keltischen, Heiligtums dar. Es rankt sich eine Unzahl von Geschichten um das ganze Gebiet von "Rennes-les-Bains". Besonders auch im Zusammenhang mit einem Kryptischen Buch, welches einer der ehemaligen Priester des Ortes, Abbé "Henri Boudet", geschrieben hatte. In diesem Werk mit dem Titel, "La vraie langue celtique et le cromleck de Rennes-les-Bains", ist mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Code zur Entschlüsselung eines kostbaren Geheimnisses verborgen. Vieles in diesem Dokument wird angezweifelt, doch grundsätzlich geht es nicht in erster Linie um den wörtlichen Inhalt, sondern um die Bedeutung des Sinnes, welcher "zwischen den Zeilen" zu finden ist. "Henri Boudet" wird eine umfassende Bildung und hohe Intelligenz attestiert. Er war ein sprachliches Genie und verfügte über tief greifende Kenntnisse hinsichtlich geschichtlichen, mathematischen und geologischen Fragen. Als Lokalhistoriker stiess er im Zusammenhang mit seinen Forschungen mit Sicherheit auf ein rätselhaftes Mysterium. Mit seinem jüngeren Amtsbruder aus der Nachbargemeinde "Rennes-le-Château", Abbé "Bérenger Saunière", durchstreifte er die Landschaft und hinterliess entsprechende Hinweise. Die Zeugen seines Tuns sind schwer zu finden und nur durch viel Kreativität zu deuten! Der Anfang aller Weisheit, ist die Verwunderung!

Versunken in angeregter Diskussion sind wir inzwischen mitten im Wald an der "Source du Cercle" angelangt. Welch ein Anblick! Kühles Quellwasser fliesst unterhalb einer Mauer in eine kleine, bemooste steinerne Fassung. Der hohe Gehalt an Mineralien - besonders Eisen - lässt das kühle Nass rötlich schimmern und der vorsichtige Genuss hinterlässt einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Um die Jahrhundertwende war dieser Platz noch viel schöner. Von einer steinernen Amphore floss das Wasser in das ehemals in der Stützmauer eingelassene Becken. Leider stürzten Teile der Mauer im Laufe der Zeit zusammen und so veränderte sich das ganze Erscheinungsbild dieses Ortes. Vor der Quelle - gegen den Waldrand hin - steht ein grosser Felsbrocken mit der Form eines Sessels. "Le Fauteuil du Diable" wird dieser Stein genannt. Mit geübtem Auge erkennt man unzählige interessante Symbole, welche auf dem "Teufelssessel" eingraviert sind. Ohne Zweifel - ein Kultplatz - das Zentrum des "Cercle" mit höchster, magischer Ausstrahlung! Wir geben uns dem Zauber hin und wagen es, uns auf den "Thron" zu setzen. Ausgerichtet gegen östlich e Sicht spähe n wir durch das Blätter dach der Bäume in die vorgegebene Richtung. Gegenüberliegende, aus dicht bewaldeten Höhen ragende Felstürme ziehen das Interesse auf sich. Zwischen uns und diesen Monolithen befindet sich das Tal von "Rennes-les-Bains", in welchem die beiden Flüsse "Blanque" und "Sals" zusammenfinden. Beide Gewässer umsäumen den Berg mit dem Namen "Le Serbaïrou". Auf diesen Berg hat man seinerzeit die beiden Priester "Boudet" und "Saunière" oft hinaufsteigen sehen. Manch ein junger Bursche aus "Rennes-les-Bains" folgte ihnen heimlich, wohl um herauszufinden, was die beiden denn dort genau machten. Doch diese "Spionierereien" verliefen erfolglos und man verlor die Spur jeweils nach einiger Zeit. Die Abbés verschwanden im Dunkel des Waldes und im Labyrinth der Felsen.

Wir beschlossen, uns nach dem reichhaltigen Mittagessen, bestehend aus "Baguette" mit Schinken, Käse, Thunfisch und Schokolade, mit den Eigenheiten des "Serbaïrou" näher zu beschäftigen. Die Überlegung, nach der Mahlzeit einen Kaffee auf dem mitgebrachten Kocher zu brauen, schlugen wir uns aus dem Kopf, da es viel zu gefährlich gewesen wäre, beim momentan stark zunehmenden Herbstwind, ein Feuer zu entfachen. So erhoben wir uns, schwangen unsere Ausrüstung auf die Rücken und wagten den Abstieg hinunter, wo sich die "Blanque" und "Sals" treffen.

 

 

 

 

 

 

 

Der "Götterberg"

Wir fanden einen Pfad, der klar und einsam
empor sich zog, bis, wo einst ein Tempel stand.
Der Steig war steil, doch wagten wir's gemeinsam...

 

Ein kurzes Stück laufen wir den Weg zurück, den wir gekommen waren. Wir wollen versuchen, uns quer durch den Wald zu schlagen und dann direkt, unterhalb des Felsgrates bei "La Roche Tremblante", zu jener Stelle abzusteigen, wo die beiden Flüsschen zusammenfliessen.
Die "Roche Tremblante" sind "wackelnde" bezw. "rollende" Monolithen, von zwei bis drei Metern Grösse, und entsprechend keltischer Überlieferung ein Zeichen der Kraft Gottes, welcher über seine Kreaturen urteilt und herrscht. Die Menschen konnten zu keiner Zeit dieser göttlichen Autorität entkommen. Die einzelnen Felsen gleichen zum Teil seltsamen Fabelwesen und tragen auch ansatzweise fast menschliche Züge. Man vermeint, Gesichter oder zumindest fratzenhafte Konturen zu erkennen. Mit einigem Kraftaufwand können auch einzelne Steine - trotz imposanter Grösse und erheblicher Masse - in schwankende Bewegung versetzt werden. Daher wohl der Name "Wackelsteine". Der ganze Ort mit diesen steinernen Gebilden mutet einen wirklich äusserst seltsam an. "Doch gib Acht Mensch, auf welchen Stein du deine Hände legst - ein unseliger Pakt mit Dämonen der Finsternis könnte die Folge sein…!" Der herbstliche Wind lässt trockenes Laub hochsteigen, schemenhaften Gestalten gleichend. "Sieh da drüben, zwischen den Bäumen, wiegen Elfen sich dort nicht im Reigen?"

Das Abstiegsmanöver gestaltet sich anfänglich recht schwierig, da ein Vorwärtskommen im dichten Wald äusserst mühsam ist. Doch durch den geübten, mit kräftigem Arm geführten Einsatz der Machete, kämpften wir uns durch das Dickicht der Dornenranken. Es ist unheimlich, die Pflanzengeister versuchen, uns mit aller List zurückzuhalten und schlingen ihre bewehrten Tentakel um unsere Schuhe, Beine und Hälse! Jeder Schritt in dem immer steiler abfallenden Gelände erfordert höchste Aufmerksamkeit. "Wehe dir Wanderer, deinen Fuss auf einen unsicheren Tritt zu setzen - du wirst vom Schlund der grünen Hölle verschluckt und jäh zu Tale stürzen!" Mit einem erleichterten Aufatmen erreichen wir endlich gegenüber einer Biegung der "Blanque" die schmale Fahrstrasse im Tal.

Die Gewässer hier bei "Rennes-les-Bains" sind äusserst mineralhaltig. Ausserdem entspringen an verschiedenen Stellen noch weitere Thermalquellen. Das Wasser tritt, mit zum Teil beachtlicher Wärme, aus dem tiefen Untergrund zu Tage. Schon zur Römerzeit war die angenehme und wohltuende Heilwirkung dieser Quellen bekannt. Am Ortseingang findet man noch gut erhaltene Reste eines römischen Badehauses. Auch in unseren Tagen kommen immer noch viele kranke Menschen, um hier Heilung oder Linderung ihrer rheumatischen Leiden zu erfahren.

Wir marschieren beschwingten Schrittes zügig der "Blanque" entlang, und entdecken linker Hand einen - unter Gestrüpp verborgenen - alten, geheimnisvollen Mineneingang. Auch dies ein Zeugnis aus reicher, "gallo-romanischer" Zeit. Die rötliche Färbung des Gesteins lässt darauf schliessen, dass hier vermutlich einmal Eisenerz abgebaut wurde. Mutige Schritte in das Dunkel des Felsstollens lassen grosse Fledermäuse aufschrecken. Wie Vampire sausen sie im feuchten Dunkel über unsere Köpfe hinweg! Ein tiefes, heulendes Stöhnen lässt uns erschauern! Was in Gottes Namen war denn das Grauenhaftes? Ein Untier? Ein verwundeter Mensch? Angespanntes Innehalten und Aufhorchen klärt die Ursache des unheimlichen Jaulens. Es war der Wind, welcher uns diesen Schreckensstreich spielte. Nach wenigen Metern wird das Wasser im Stollen immer tiefer, der Untergrund zunehmend schlammiger. Ohne hohe Stiefel und spezialisierte Ausrüstung ist hier ein weiteres Durchkommen unmöglich. Ausserdem steigen grosse Blasen aus dem Nass empor - vermutlich Fäulnisgas. Wir ziehen uns ans Tageslicht zurück und setzen unseren Weg fort.
Das zunehmend lautere Rauschen des Wassers zeigt an, dass wir uns bald beim Zusammenfluss der Gewässer "Blanque und Sals" befinden. Jenseits einer Brücke steigen wir hinunter zu einer Furt und überqueren an einer Stelle, genannt "Le Bénitier", trockenen Fusses die Flüsse. Nach einer kurzen Pause und einem erlabenden Trunk Mineralwasser aus unseren Reserven, nehmen wir den Aufstieg zum "Serbaïrou" in Angriff. Wir wollen unbedingt die heimliche Stätte finden, an welcher sich die beiden verschworenen Priester "Boudet" und "Saunière" herumgetrieben haben! Ein schmaler Fussweg führt den Hang entlang gegen den Berg hinauf. Die dichte Bewaldung besteht zum grössten Teil aus uralten Eichen und Kastanienbäumen. Vermoderte, umgestürzte Baumstämme erschweren das Vorankommen. Vielartiges Grün wuchert üppig und mehrheitlich dornenbesetzt, von allen Seiten auf uns zu. Von den Bäumen herab hängen im Wind schlenkernde Flechten, struppigen Bärten alter Riesen gleichend. Durch das dichte Unterholz erkennen wir eine Vielzahl alter Gemäuer. Steinquader liegen verstreut umher und Mauerreste ziehen sich immer wieder die Flanke des Berges hoch. Wir verlassen den sicheren Pfad und steigen in östlicher Richtung den Hang empor. Zahlreiche "Kastanienigel" krallen sich an unseren Hosenbeinen fest und pieksen beim Ausrutschen heftig in die Knie. Überhaupt ist das Gelände sehr gefährlich, aufgrund einer Unmenge von dürrem Laub, welches in einer hohen Schicht den Boden bedeckt. Gutes Schuhwerk ist hier wirklich unabdingbar! Ein Kontrollblick auf den Höhenmesser zeigt, dass wir schon einiges an Höhe gewonnen haben. Der Wind jammert mit klagendem Heulen und zerrt gewaltig am Geäst alter Eichen. Vor uns erscheint eine bemooste, hohe Felswand. Durch einen schmalen Kamin erklimmen wir eine kleines Plateau. Oben angekommen, eröffnet sich uns ein phänomenaler Anblick. Mit ungläubigem Staunen sehen wir uns um! Auf einem Felsband liegt ein massiver, rundlicher Gesteinsblock. Bei diesem kann es sich nur um den legendären "Pierre du Pain" handeln! Tatsächlich hat der Stein zweifellos die Form eines Brotes! Schnell wird freudig der Fotoapparat aus dem Rucksack hervorgeklaubt, um diesen Augenblick festzuhalten. Nun haben wir einen der mysteriösen Orte gefunden, in dessen Nähe der Priester aus "Rennes-le-Château", Abbé "Bérenger Saunière", manchmal beobachtet wurde. Wir machen uns auf und stossen in östlicher Richtung vor, den Berghang entlang. Wohin ist der Abbé wohl jeweils gegangen? Was hat er hier getan oder gesucht? All diese Fragen beschäftigen uns ungemein! Nach wenigen Schritten erkennen wir, dass der Wald voller riesiger Menhire steht. Die Anordnungen und Formen der Steine lassen darauf schliessen, dass ehemals natürliche Gegebenheiten durch das Hinzufügen von weiteren Felsen ergänzt wurden.

 

 

 

 

 

 

Wer mag dieses Werk von bizarrster Schönheit wohl geschaffen haben - und zu welchem Zweck? Wir umrunden etliches Gefels, finden uns in Gängen wieder, kriechen durch geheimnisvolle Höhlen, und überwinden unter Laub verborgene, bodenlose Schächte. Ein wahres Zauberreich! Hier kann ein Mensch wirklich innert kürzester Zeit ein Versteck finden! Viele Spalten entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Eingänge zu einem unterirdischen Reich. Mit geübtem Auge erkennt man auch ehemalige "Abraumhalden", Schuttablagerungen von Gesteinsmaterial, welches - von Menschenhand aus Minenschächten herausgeschlagen - nun terrassenartige Plateaus an den bewaldeten Berghängen bilden. Mit grosser Vorsicht achten wir darauf, uns nicht aus den Augen zu verlieren. Schnell wäre es geschehen und man würde - vermutlich für immer und ewig - im unergründlichen Dunkel des "Serbaïrou" verschwinden!

Im Laufe der Zeit sind wir immer höher gestiegen und stellen fest, dass sich irgend etwas verändert hat. Spannung liegt in der Luft! Ein unbeschreiblich, komisches Gefühl macht sich bemerkbar. Der Wind hat nachgelassen. Es herrsch fast Totenstille! Ein kühler Hauch streift uns, als dränge jemand an unserer Seite vorüber! Ein zarter, sehr wohlriechender Duft steigt uns in die Nase. Kommt er von einer seltenen Pflanze? Es scheint uns, als ob tausend Augen auf uns zwei Menschen blicken! Man spürt dies an einer zunehmenden Empfindlichkeit der Nackenhaare. Alles um uns herum wirkt gedämpft, fast wie in Watte verpackt. Wir sind auf dem Bergrücken angekommen. Absolute Ruhe! Das Geräusch rauschenden Wassers aus der Tiefe des Tales, welches uns sonst immer begleitete, ist wie ausradiert! Kein Vogelgezwitscher! Nichts! Nicht einmal der eigene Schritt - das Knacken der Zweige unter den schweren Wanderstiefeln - ist zu vernehmen. Es macht den Anschein, als würden unsere Schuhe den Boden gar nicht mehr erreichen oder durch diesen hindurch sinken. Die wenigen Worte, welche wir wechseln, bringen wir nur mühsam und abgehackt über die Lippen. Es fühlt sich an, als ob die Sprachlaute einem - noch vor der eigentlichen Äusserung - vom Mund weggezogen würden. Der Mantel eines grossen "Vergessens" breitet sich über der Zeit aus und eine starke Kraft strebt an, sich unserer Sinne zu bemächtigen. Etwas Ähnliches hatten wir noch niemals erlebt! Was ist dies nur? Ein verwunderter Blick auf den Kompass lässt erkennen, dass sich die Nadel nicht mehr richtig dreht! Sie pendelt zwischen Ost und Süd und zeigt den Norden im Osten! Wir müssen uns anscheinend an einem ganz seltsamen Ort, mit unfassbar starker Ausstrahlung befinden!

 

 

 

 

 

 

Die letztere Feststellung veranlasst uns, rasch möglichst den Berg hinunterzusteigen. Wir schlagen uns mühsam quer durch den Wald und hoffen, baldmöglichst hinunter zum Flusslauf der "Blanque" zu finden. Nach einem langwierigen Kampf mit Legionen von dornenbewehrten Ranken und einer ausgedehnten Kletterpartie, treffen wir auf eine Art Waldstrasse. Seltsam! Hier bläst uns der Herbstwind wieder mit bekannter Kraft ins Gesicht und die ganze Atmosphäre ist wie ausgewechselt. Wir hören das Rauschen des Wassers und mit beschwingten Schritten streben wir der Schlucht entgegen.
Was ist mit uns geschehen? Was war dies nur für ein ausserordentlich spannender Tag gewesen! Fast wurden wir von Geistern der Vergangenheit eingeholt und festgehalten. Nie werden wir die Geschehnisse und Erfahrungen vergessen, welche wir im Verlauf dieser Exkursion erleben durften! Die Landschaft, welche wir durchwandert haben, beherbergt zweifellos Plätze von tief greifender, mythologischer Bedeutung. Die Geschichte der Vergangenheit hat derart starke Abdrücke in der Zeit hinterlassen, dass man diese heute noch fast mit Händen greifen kann!
Es scheint uns, als hätten wir das Privileg genossen, auf dem Berg "Serbaïrou" einen ausgedehnten, unsichtbaren Tempel besucht zu haben. In Gedanken versunken nähern wir uns dem Kurort "Rennes-les-Bains". Da die Zeit schon sehr vorgerückt ist, entscheiden wir, die Nacht in diesem Ort zu verbringen. Bei einem gediegenen Abendessen und einer vorzüglichen Flasche Wein werden wir sicherlich noch bis tief in die Nacht hinein eine angeregte Diskussion über all das Erlebte führen. Der nächste Tag wird uns bestimmt auch wieder mit vielen neuen Abenteuern erwarten. Einer inneren Eingebung folgend, sehen wir uns jedoch veranlasst, unterwegs in den gesegneten Wassern der "Blanque" noch ein erfrischendes Bad zu nehmen. Wie neu Geboren steigen wir anschliessend aus den erquickenden Fluten - mit einem Gefühl vertrauter Gewissheit, dass wir durch dieses abschliessende Ritual das Bündnis mit den "Hütern der heiligen Haine" für ewige Zeiten besiegelt haben.

 

 

 

 

 

 

 

Text und Farbbilder
Copyright © 25.03.07 / F. Seiler
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